www.playermag.de > Inhalt Mai 2007 > Travis im Interview
 
Inhalt 06-07
SILBERMOND
Stefanie Kloß ist Stimme und Gesicht der deutschen Platin-Band Silbermond. An den Instrumenten: drei Jungs. Kann das gut gehen? Es kann! Was mit Nena begann, gilt längst als Erfolgsformel. Ein Tourbericht über die Freundschaft


Inhalt 05-07
TRAVIS
Travis - das ist Gänsehaut, Herzschmerz, Zerrissenheit. Vier Jahre lang hat man von den Jungs aus Schottland nichts gehört, jetzt bringen sie ihr lang ersehntes fünftes Album heraus. Es erzählt von Unfällen und Tod, von Geburt und Freundschaft. Travis-Sänger Francis Healy gewährte uns Einblick in sein Tonstudio - und in sein tiefstes Inneres

SOPHIE ELLIS BEXTOR
Für DJs war Sophie Ellis-Bextor eine Art Lebensversicherung. Laue Partys wurden zum heißen Tanz, wenn ihre Hits rotierten. Jetzt sorgt die Londonerin mit einem explosiven Album für neuen Zündstoff

CHRISTIAN ULMEN
Neulich an der holländischen Nordseeküste: VW stellt seine "Cross"-Modelle vor. Das sind Polo, Golf und Touran mit einem dezenten Offroad-Facelifting. Mittendrin Christian Ulmen, ein Mann, der normalerweise im Fernsehen Leute veräppelt oder lustige Rollen spielt. PLAYER bat den 31-Jährigen zum Fachgespräch

Travis - das ist Gänsehaut, Herzschmerz, Zerrissenheit. Vier Jahre lang hat man von den Jungs aus Schottland nichts gehört, jetzt bringen sie ihr lang ersehntes fünftes Album heraus. Es erzählt von Unfällen und Tod, von Geburt und Freundschaft. Travis-Sänger Francis Healy gewährte uns Einblick in sein Tonstudio - und in sein tiefstes Inneres

Text: Stéfan P. Dressel

ier wird im "John Henry's" schon lange nicht mehr gebraut. Aus der alten Brauerei in Londons Brewery Street sind die Tonstudios "John Henry's Ltd" geworden. Eric Clapton war schon hier, Robbie Williams, die Spice Girls und zwei Dutzend andere Stars, deren Bilder in den Gängen hängen. Beim Blick nach draußen kommt einem "Why Does It Always Rain On Me?" in den Sinn, der Straßenfeger von Travis. Wir sind mit Francis Healy verabredet, dem Sänger der Band aus Glasgow, die mittlerweile in London beheimatet ist. Er sitzt in Studio eins auf einem Hocker und spielt versonnen auf der Gitarre: "Closer" ist die erste Single von der neuen CD "The Boy With No Name" (ab 4. Mai), dem fünften Album von Bandgründer "Fran", Gitarrist Andrew Dunlop, Bassist Douglas Payne und Schlagzeuger Neil Primrose.

PLAYER: Fran, "12 Memories", das letzte Travis-Album, ist vor fast vier Jahren erschienen. Warum haben Sie sich so lange Zeit gelassen?
Francis Healy: Ist es wirklich schon so lange her? Wenn man im Bandleben steckt, kommt einem das gar nicht so vor. Drei oder vier Jahre zwischen zwei Alben heißt nicht, dass wir untätig waren. Das ganze Drumherum, das eine Band am Leben erhält, ist ungemein aufwendig. Ich weiß zum Beispiel gar nicht, wie viele Leute für uns arbeiten. Darauf bin ich nicht stolz, aber es ist einfach so. Es gibt so wahnsinnig viel zu tun, dass einem die Zeit zwischen den Fingern zerrinnt. Beim aktuellen Album war das ganz extrem, obwohl wir keinen Druck entstehen lassen wollten.

» IN DER MUSIK IST ES WIE BEIM FUSSBALL: MAN SELBST IST NUR SO GUT WIE DAS TEAM. ICH BIN FROH, DASS WIR ECHTE FREUNDE SIND «
Am Ende des Videos zu "Closer" kommt ihr aus einem Supermarkt und nehmt euch gegenseitig in den Arm. Muss man sich in so einer langen Zeit voller Arbeit auch immer wieder der Freundschaft der anderen versichern?
Ja. In der Musik ist es wie beim Fußball: Man selbst ist nur so gut wie das Team. Wir vier haben eine sehr enge Bindung, und ich bin froh, dass wir Krisen gemeinsam bewältigen, dass wir echte Freunde sind. Travis, das bin nicht nur ich, wir alle sind die Band. Seit der Gründung 1990 ist niemand gegangen, weil ihm die Nase eines anderen nicht mehr gefallen hätte. Darauf bin ich stolz, weil wir damit in der Branche eine Ausnahme sind. Und ich finde, es sagt sehr viel über uns als Menschen aus.

Sie werden mit dem Satz zitiert: "Wir haben es geschafft, das Dunkel hinter uns zu lassen, haben unsere Inspiration neu entdeckt."
Darin steckt der andere Grund für die lange Zeit seit dem letzten Album. Wir waren an einem Punkt, an dem wir uns überlegen mussten, wie es für uns weitergeht, musikalisch und als Gruppe, was wir noch erreichen wollen. Und tatsächlich wollte jeder etwas anderes, sodass wir uns erst wieder finden mussten. Insofern hat die Umarmung in "Closer" durchaus eine tiefere Bedeutung. Das Video zeigt nicht nur, dass es uns immer noch gibt. Es zeigt auch, dass wir uns wieder verstehen, dass wir wieder dieselben Ziele haben.

Und worauf bezieht sich das Dunkel?
Ich litt sehr unter Depressionen, habe mich deswegen auch eine Zeit lang vom Bandalltag ferngehalten. Für mich war es unmöglich, Songs zu schreiben, kreativ zu sein. Ich wollte meine Ruhe, nicht mal meine Frau Nora kam in dieser Zeit an mich heran. Ich habe mich nur noch selbst bemitleidet.

 
Warum? Was war passiert?
Vor knapp fünf Jahren ist Neil, unser Schlagzeuger, während einer Tournee durch Frankreich beinahe im Pool des Hotels ertrunken. Er ist reingesprungen und hatte nicht gesehen, dass das Becken nur zur Hälfte gefüllt war. Es sah böse aus für Neil, ihm drohte sogar eine Querschnittslähmung. Gott sei Dank hat er sich wieder vollständig erholt. Trotzdem: Wenn Neil damals nicht mehr gesund geworden wäre, würde es die Band heute nicht mehr geben. Jeder bei Travis ist wichtig. Einfach jemanden gegen einen anderen Musiker auszutauschen, das könnte ich nicht.

War es da nicht ein Lichtblick, dass Ihre Frau und Sie einen Sohn bekamen?
Nicht, wenn kurz zuvor der Vater stirbt. Beides sind einschneidende Erlebnisse, die für mich zusammenfielen. Das möchte ich nicht noch mal durchmachen. Ich weiß jetzt, wie nah Leben und Tod, Geburt und Sterben beieinanderliegen, eine Erfahrung, die ich so niemandem wünsche. Bis vor einigen Jahren hatte ich keinen Kontakt zu meinem Vater. Er und meine Mutter hatten sich getrennt, als ich noch ein kleiner Junge war. Ich bin mehr oder weniger bei ihr und meiner Tante aufgewachsen. Aber gerade in den letzten Jahren hatten wir wieder einen Draht zueinander. Früher war mein Vater nie für uns da. Er hat meine Mutter geschlagen. So etwas verzeiht man nicht so schnell. Ich hätte mir gewünscht, wir hätten noch mehr Zeit miteinander verbringen können.

» FRÜHER WAR MEIN VATER NIE FÜR UNS DA. ER HAT MEINE MUTTER GESCHLAGEN. SO ETWAS VERZEIHT MAN NICHT SO SCHNELL «
Ärgert es Sie, dass Sie sich nicht eher mit ihm ausgesprochen haben?
Das ist alles spekulativ. Natürlich ärgert es mich, aber das ist nun mal Schicksal. Man rechnet nicht ständig damit, dass der Tod um die Ecke kommt, um einen Verwandten mitzunehmen. Wir waren auf einem guten Weg, sind uns wieder nähergekommen. Darüber bin ich glücklich.

Ist noch etwas offen geblieben zwischen Ihnen und Ihrem Vater?
Nein, es war alles gesagt. Darüber bin ich auch sehr glücklich. Aber gemessen daran, wie lange ich keinen richtigen Vater hatte, ist die gemeinsame Zeit in den vergangenen Jahren einfach zu kurz gewesen. Das macht mich noch immer traurig. Man hat eben nur einen Vater.

Hat er die Geburt Ihres Sohnes noch erlebt?
Nein, er ist vorher gestorben. Auch das ist etwas, was ich zutiefst bedaure. Ich hätte es gern gesehen, dass mein Vater mein Kind auf dem Schoß hält. So etwas wünscht sich schließlich jeder Mensch. Aber ich bin sicher, dass er von da oben seine Hand über meinen Sohn hält.

Hat der Albumtitel "The Boy With No Name" etwas mit Ihrem Sohn zu tun?
Aber ja. Der Titel ist entstanden, weil unser Sohn drei Monate nach der Geburt noch keinen Namen hatte. Meine Frau und ich konnten uns einfach nicht einigen und nannten ihn daher "den Jungen ohne Namen". Obwohl Clay mittlerweile über ein Jahr alt ist, nennen wir ihn noch ab und zu so. Nora und ich haben Bücher gewälzt, Verwandte und Freunde haben uns mit Vorschlägen bombardiert. Nichts passte wirklich zu ihm. Bis eines Tages im Fernsehen der Name Clay fiel. Meine Frau und ich guckten uns an und dachten: Das ist es!

Wenn man ein Kind bekommt, entwickelt man eine andere Einstellung zum Alter. Fühlen Sie sich alt?
Lustig, dass Sie das ansprechen. Ich habe mir vorher nie besondere Gedanken um mein Alter gemacht. Früher habe ich mich nur immer über meine Frisur aufgeregt. Lächerlich! Das ist heute natürlich anders. Es ist erstaunlich, welche Verwandlungen man als Vater erlebt. Ein Beispiel: Früher waren Kinderspielplätze Orte des Grauens für mich, heute werden sie langsam zu einem zweiten Zuhause. Ich habe mich den neuen Lebensumständen angepasst und bin erstaunt, wie leicht mir das fällt. Früher hätte ich gegen gewisse Veränderungen rebelliert, heute ist mir das zu doof. Die Zeit ist einfach zu schade. So gesehen fühle ich mich mit meinen 33 Jahren richtig alt.
 
 
 

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